Frei, nackt, lebensnah
Von Lucie Machac. Aktualisiert am 13.01.2010
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Smalltalk in einem Theaterfoyer, irgendwo in Amerika: «Sie muss uralt sein, diese Anna Halprin», meint ein Herr zu einer älteren Lady, nichtsahnend, wen er da vor sich hat. Die 89-Jährige kontert mit Humor: «Sie haben recht, ich bin wirklich uralt.»
Diese entwaffnende Gelassenheit sich selbst gegenüber scheint typisch für die amerikanische Tanzikone. In Ruedi Gerbers Dokumentarfilm «Breath Made Visible» kommt sie jedenfalls immer wieder ungehemmt zum Vorschein: Egal ob Halprin im hohen Alter noch nackt in der Natur performt oder auf ihrer eigenen legendären Bühne unter freiem Himmel mit Zweigen tanzt, immer wirkt sie dabei echt, ganz bei sich, als sei es das Natürlichste der Welt.
Dass steifes, klassisches Ballett nicht zu ihrer Passion werden würde, wusste Anna Halprin schon als junge Tänzerin und Choreografin. Vielmehr suchte sie nach einer ungekünstelten Ausdrucksform, die aus dem lebensnahen Alltag schöpft und im Einklang mit der Natur steht. Klingt abgehoben? Mitnichten: Zwar bedeuteten in den Sechzigerjahren Nacktheit auf der Bühne oder experimentelle Performances in einem Frachthangar eine Revolution – und brachten Halprins Truppe auch schon mal Buhrufe ein. Heute indes gehören improvisierte Bewegungen, die das Leben in all seinen Facetten reflektieren, zum Inventar jedes zeitgenössischen Tanzschaffens. Doch Halprin ging noch weiter: Als sie mit 50 Jahren an Krebs erkrankte, setzte sie die Energie des Tanzes ein, um die Krankheit zu besiegen. Seither arbeitet sie auch mit unheilbar Kranken und Betagten.
Der Zürcher Filmemacher mit Berner Wurzeln lässt das Leben und Wirken der Tanzpionierin mit viel Einfühlungsvermögen Revue passieren. Reichhaltiges Archivmaterial, das auch Halprins komödiantische Seite zeigt, Ausschnitte aus ihren legendären Choreografien und natürlich Interviews mit der Ikone selbst und ihren berühmten Wegbegleitern hat der 53-Jährige zu einem bildstarken, intimen Porträt zusammengefügt, das die einnehmende, schalkhafte Persönlichkeit hinter der Tanzlegende offenbart.
Breath Made Visible
| Regie: | Ruedi Gerber |
| Produktion: | Switzerland, USA 2009; 82 min. |
| Genre: | Documentary |
| Erstaufführung: | 14.01.2010 |
| Darsteller: | Anna Halprin, Lawrence Halprin, Merce Cunningham |
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2 KOMMENTARE
Martin Derungs
Diesen Film habe ich mir gleich zweimal angeschaut, und beim zweiten Mal noch viel mehr gesehen. Anna Halprin hat so viele verschiedene Themen untersucht, und alle sind nah am Leben und schließlich auch am Tod. Beeindruckend. Schön ist Anna Halprin, und ehrlich. Immer noch suchend. Ruedi Gerbers Film bringt einem Anna Halprin wirklich nahe.


