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Ein Jude und zwei coole Zyniker

Aktualisiert am 20.01.2010

Wer die Filme der Gebrüder Coen verstehen will, muss ihre Tragikomödie «A Serious Man» gesehen haben.

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A Serious Man

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A Serious Man (USA 2009). 105 Minuten. Regie und Drehbuch: Joel und Ethan Coen. Mit Michael Stuhlbarg, Sari Lennick, Fred Melamed, Aaron Wolff u. a.

Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Arena, Capitol, Frosch und Riffraff. Ein jüdisches Glossar zum Film lesen Sie morgen im «züritipp».

Wenn sich vor unseren Augen ein kleines Happy End abzeichnet, das dann per Genickschuss aus dem Hinterhalt kaltblütig abgeknallt wird, befinden wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit in einem Film der Gebrüder Joel und Ethan Coen. Der vermeintlich glückliche Ausgang, mit dem sie uns in ihrer neuen Tragikomödie «A Serious Man» kurz ködern, ist nur ein böser Traum, der Film geht dann noch weiter.

Die Coens, man weiss es längst, gehören unbestritten zu den brillantesten Stilisten, die das amerikanische Autorenkino in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Doch in die Bewunderung für die stupende Könnerschaft der Brüder mischte sich in letzter Zeit häufiger auch eine etwas missmutige Kritik. Das postmoderne Kino der Coens, so ein gern gehörter Vorwurf, habe sich allmählich erschöpft, und ihre erzählerische Raffinesse laufe zusehends leer. Man sah die Fingerübungen zweier cooler Zyniker, die wie begnadete Schachspieler auf Autopilot ihre Figuren auf dem Brett verschoben.

Wie zum Gegenbeweis haben Joel und Ethan Coen jetzt ihren vielleicht warmherzigsten Film gedreht. Das soll nicht heissen, dass sie mit «A Serious Man» von ihrem absurd-makabren Witz abgekommen und zu einer hübsch gepolsterten Gemütlichkeit gefunden hätten. Die beiden Brüder sind bloss in ihre Heimatstadt Minneapolis im Mittleren Westen zurückgekehrt, um hier ihre jüdische Kindheit in den späten 60er-Jahren aufleben zu lassen. Für 7 Millionen Dollar sollen sie diese Tragikomödie gedreht haben, so schlank waren ihre Budgets seit «Fargo» nicht mehr. Mag man es ihren bislang persönlichsten Film nennen, sicher aber ist es einer ihrer besten. Dabei offenbaren sich die Coens so deutlich wie nie zuvor auch als geistige Erben eines grossen Schweizer Erzählers, der ebenfalls aus der tiefsten Provinz stammte: Der Mann heisst Friedrich Dürrenmatt.

Physiker als trauriger Held

Tatsächlich gibt es niemanden im amerikanischen Kino der Gegenwart, der Dürrenmatts Postulat, eine Geschichte sei erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe, so konsequent verfolgt hat, wie das die Coens seit ihrem Erstling «Blood Simple» immer wieder tun. Und wie als Fingerzeig auf diese heimliche Verwandtschaft haben sie nun einen Physiker zum traurigen Helden ihres neuen Films gemacht. Dieser Larry Gopnik lebt allerdings nicht im Irrenhaus, sondern in einer gepützelten amerikanischen Vorstadt zur Zeit des Kalten Kriegs. Aber ganz normal benehmen sich die Menschen auch hier nicht – und damit ist nicht nur der leicht verrückte Bruder des Physikers gemeint, der im Eigenheim der Familie Gopnik dauernd das Badezimmer besetzt und im Geheimen an einer höchst dubiosen Wahrscheinlichkeitskarte des Universums werkelt.

Gopnik selbst, gespielt von Michael Stuhlbarg, ist als amerikanischer Jude zu einem so angepassten, unauffälligen Jedermann geworden, dass seine Frau von ihm die Scheidung verlangt. Sein Rivale steht auch schon bereit: Es ist ein bärenhafter Witwer, der aussieht wie eine spiessbürgerliche Karikatur von Francis Ford Coppola, und der nimmt den armen Larry bei jeder Gelegenheit mit einer ungeheuer fürsorglichen Umarmung in den Würgegriff des Mitgefühls. Geknickt räumt Larry das Feld und quartiert sich samt seinem Bruder im Motel «Jolly Roger» ein – die Kinder daheim schlürfen unterdessen ihre Suppe, als wäre der Vater nie da gewesen. Am College wird Gopnik von einem koreanischen Studenten heimgesucht, der eine genügende Note von ihm erpressen will, und anonyme Verleumdungsbriefe drohen seine Berufung auf Lebenszeit zu vereiteln. Bald ist das Leben dieses wohlanständigen Männchens dermassen aus den Fugen, dass er Rat beim Rabbi sucht.

Doch sein Parcours zur Weisheit ist zum Scheitern verurteilt, denn der Kurs, auf dem er verläuft, könnte von Kafka ausgesteckt sein: Jede Autorität verweist nur auf eine andere, und je mehr sich Gopnik nach dem Trost der Weisen sehnt, umso mehr entziehen sie sich seinem Zugriff. Beim ersten Rabbi bekommt er statt Lebenshilfe nur Kalendersprüche zu hören, der zweite hat eine Anekdote von einem Zahnarzt parat, der im Mund eines Patienten eine hebräische Inschrift entdeckte, eingeritzt auf der Innenseite der Schneidezähne. Und beim dritten bleibt Gopnik schon an der Vorzimmerdame hängen. Gott, das ist die existenzielle Pointe in diesem sehr jüdischen Film, ist nicht zu Hause. Und wenn doch, ist er so schlau wie ein Song von Jefferson Airplane.

Alltägliche Unbarmherzigkeit

Spätestens hier wird klar: «A Serious Man» ist alles andere als ein nostalgischer Jugendrückblick der Coens, die den halbwüchsigen Sohn des Physikers wie einen unbeteiligten Stellvertreter ihrer selbst auftreten lassen. Die Coens legen hier den Fokus erstmals ausdrücklich auf den jüdischen Unterbau, der ihre Filme schon immer stark geprägt hat. «A Serious Man» ist die ungläubige Auseinandersetzung der Coens mit ihrer Identität als jüdische Agnostiker. Wer das Kino der Coens verstehen will, muss diesen Film gesehen haben.

Ihr tragikomisches Karussell um diesen Professor Gopnik lassen sie dabei ganz langsam anrollen, bis es allmählich Fahrt aufnimmt. Und wo sie den Zug wieder drosseln, bauen sie als feuchten Traum des Professors eine kiffende Nachbarin ein, die wie die Parodie einer lasziven Hausfrau wirkt – und in ihrer Schläfrigkeit trotzdem verflucht sexy. In den Details zeigt sich einmal mehr, dass niemand die alltägliche Unbarmherzigkeit dieser Welt so konzentriert in sarkastische kleine Vignetten zu packen weiss wie Joel und Ethan Coen. Wenn die korpulente Sekretärin des Rektors sich kurz räuspert, wenn sich der scheinbar verständnisvolle Kollege am College so betont schlaff an den Türrahmen schmiegt oder wenn der Rabbi mit den eisblauen Augen seinen Teebeutel in die Tasse tunkt – dann schwellen diese beiläufigen Gesten unter dem Brennglas der Coens zu einer Verschwörung gegen den kleinen Herrn Gopnik an.

So darf man «A Serious Man» getrost unter die wichtigsten Werke der Coens einreihen, neben «Fargo», «The Big Lebowski» und «No Country For Old Men». Dabei kommt dieser Film ohne jeden Star aus, ganz im Gegenteil: Die Coens haben sich hier ein erstklassiges Ensemble aus gänzlich unbekannten Gesichtern zusammengestellt, allen voran der Bühnenschauspieler Michael Stuhlbarg, der als Professor Gopnik seine erste grosse Filmrolle spielt. Auf ihn wartet zuletzt ein rabenschwarzes Ende, aber anders, als man denkt. Und wer braucht schon ein Happy End?

A Serious Man

Regie:Ethan Coen, Joel Coen
Produktion:France, UK, USA 2009; 105 min.
Genre:Comedy, Drama
Erstaufführung:21.01.2010
Darsteller:Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff

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11 KOMMENTARE

Monika Kohler

star4

Genialer Film. Man bewundert den Hauptdarsteller über seine Ruhe und Gelassenheit. Möchte ihn manchmal rütteln. Das Ende ist wunderbar!


Nathalie Blaser

star5

Unterhaltsam, komisch und mit Superszenerie der 60iger Jahre. Unbedingt ansehen und geniessen!


Simon Pfister

star5

Der beste Cohen seit Fargo. Unterhaltsam, bitterböse und brillant gespielt.


André Jacques Wyler

star4

Zu Hause bei Hiob


André Jacques Wyler

star4

Zu Hause bei Hiob


Florian Frotzler

star4

Sehr guter Film, tolle Charakterstudie


Thomas Meier

star3

mmhhh - sonst ein Coen-Fan geht dieser Film so ziemlich an mir vorbei und ist für mich weit weg von Fargo, O Brother, No Country oder Burn ...


André Jacques Wyler

star4

Zu Hause bei Hiob


Thérèse Haefele

star4

Eine an und für sich alltäglich unspektakuläre Alltagsgeschichte aus einem jüdischen Familienleben vorzüglich verfilmt von den Cohen-Brothers


Andrei Mihailescu

star2

Schon sehr seltsames Humor. Ich fand die Hauptfigur zu tragisch um noch lachen zu können.


Pat Egli

star5

Wunderbarer Humor!



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