Die Löffel der Weisheit
Von Pascal Blum. Aktualisiert am 13.01.2010
1/10
Das Gefängnis - so lernt Malik (Tahar Rahim) - ist eine Universität für Gauner: Wer wieder hinaus will, muss zuerst drinnen überleben.
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Trailer
Finstere Blicke hinter Gefängnismauern.
Der Film
ach einem Angriff auf einen Polizisten wandert der 19-jährige Malik (sensationell: Tahar Rahim) hinter Gitter, wo Araber und Korsen einander finster anblicken. Ein Mafioso schützt ihn, dafür soll Malik einen Zeugen ermorden, was er in einer beklemmenden Einstellung vor dem Spiegel mit der Rasierklinge im Mund übt.
Die Chronik einer Verhärtung von Jacques Audiard («Sur mes lèvres») nennt sich rechtens «Anti-‹Scar-face›», weil sie Knalleffekte vermeidet. Der Film über Identität und Opportunismus zeigt das Gefängnis als Uni für Gauner. Die Bedrängnis entsteht dadurch, dass die Kamera auf Totalen verzichtet. Der Pariser Regisseur scheut sich nicht vor Symbolik, aber er übermannt einen 154 Minuten lang mit einem grandiosen, präzisen Film von eiskalter Intensität, der an das Kino von Jean-Pierre Melville zurückdenken lässt. (blu)
Alle Gefängnisfilme sehen gleich aus. Aus einer Reihe aufgleitender Zellentüren treten simultan Hunderte Häftlinge. Einer dreht allein Runden im Hof. In der Kantine fährt die Kamera entsetzten Gesichtern entlang, die vor widerlichen Breiklumpen sitzen. Auf dem Löffel lümmelt sich eine Made. Löffel sind zentral, mit ihnen gräbt man Tunnels und frisst die Weisheit des Knasts. Wer frech wird, muss ins «Loch» - Isolation! Mehr Käfer!
Ein eigenes Film-Genre
Kein Wunder, wollen alle immer nur türmen. Neben «Papillon» mit Steve McQueen heisst der berühmteste Ausbrecherfilm «The Shawshank Redemption» (1994), ein sentimentaler Quark mit Morgan Freeman. In jüngster Zeit banalisierte die TV-Serie «Prison Break» das Fluchtmotiv vollends, indem sich ihre Helden einbuchten liessen, nur um wieder abzuhauen. Eine andere US-Fernsehserie spielte dagegen brillant die Mikrophysik gegenseitiger Abhängigkeiten im Hochsicherheitstrakt durch. Sie hiess schlicht «Oz» - ohne Zauberer.
«Der Gefängnisfilm ist ein menschenkundliches Vorhaben», sinniert der Kinodenker Harun Farocki. Und welche Menschen erkundet er? «Wir schaffen keine guten Bürger, wir schaffen gute Gefangene», heisst es in «Escape from Alcatraz» mit Clint Eastwood. Im Knast besitzt der Sträfling nichts ausser Körper und Bande. Gute Chancen hat, wer über Werkzeuge verfügt - Besteck oder Menschen. Die Macht im Gefängnis ist spürbar, also filmisch. Bilder vom Gefängnis, so Farocki, zeigen die Norm und hoffen auf Abweichung. Der Knast ist fürs Kino, was das Spital für die Arztserie ist: ein Ort, an dem immer neues Elend durch die Tür kommt; ein Kosmos der Dringlichkeiten. Die Schwester rennt zum Herzinfarkt, der Wärter zum Störenfried.
Der beste Gefängnisfilm
Robert Bresson schuf mit «Un condamné à mort s’est échappé» (1956) den packendsten Gefängnisfilm. Ein Widerstandskämpfer raspelt mit dem Löffel wochenlang die Holzbretter seiner Zellentür frei. Wir bekommen im Detail mit, was der Insasse bastelt, damit seine sorgfältig geplante Flucht gelingt. Eine Schweizer Produktion verhalf dem Gefängnisfilm dann immerhin zum schlechten Ruf: Der faszinierend abscheuliche Trash «Frauengefängnis» über nackte Frauen in Ketten, die sich gegen sadistische Wärter auflehnen, wurde von Erwin C. Dietrich finanziert und war 1975 Teil des Exploitation-Genres «Women in Prison».
Un prophète
| Regie: | Jacques Audiard |
| Produktion: | France, Italy 2009; 155 min. |
| Genre: | Crime, Drama |
| Erstaufführung: | 14.01.2010 |
| Darsteller: | Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Hichem Yacoubi, Reda Kateb |
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3 KOMMENTARE
Jean-Marc Demeulemeester
Grossartig gelungenes Szenestück mit unglaublich überzeugenden Schauspielern. Jederzeit glaubhaftun dunbedingt involvierend.
Hanspeter Kindler
Ja, haben Sie den Film nun überhaupt gesehen, Herr Blum, oder wollen den Lesern mit ihrem einfallslosen Geschreibsel im Stile eines Klassenstrebers einfach demonstieren, wie viel Sie wissen. Einfach nur noch peinlich diese "Besprechung".
Anna Huber
Grossartige und authentische Schauspieler und schöne Kameraführung. Interessant auch mal korsisch in einem Film zu hören.


