Der erste Wurf

Von Peter Kissling. Aktualisiert am 13.09.2012

Bern erhält Zuzug von einem Tierchen, das trotz seines rapportiert bedenklichen Gesundheitszustands kein bisschen still ist. Dead Bunny machen Lärm, oft mit Pop-Appeal.

Mass nehmen sie an den Grossen im Geschäft, an den Helden der donnernden Fraktion, des lauten und druckvollen Spiels: Dead Bunny aus Bern.

Mass nehmen sie an den Grossen im Geschäft, an den Helden der donnernden Fraktion, des lauten und druckvollen Spiels: Dead Bunny aus Bern.
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Datum und Uhrzeit

Die Plattentaufe

Reitschule Dachstock Freitag, 14. Sept., 21 Uhr (Türe). Am Donnerstag, 13. Sept., 20 Uhr, Showcase bei Chop Records mit My Heart Belongs to Cecilia Winter.

Die Wahrheit, bekanntlich eine Tochter des mächtigsten unter den griechischen Göttern, Zeus, eine üble Lügnerin zu nennen, ist ein starkes Stück. Dead Bunny, drei Herren noch nicht mittleren Alters, tuns trotzdem: «The Truth Is a Fucking Liar» (Chop Records/Irascible) haben sie ihren ersten Longplayer betitelt, ihr nach den alten Massstäben der verblichenen Musikindustrie eigentliches Debüt. Doch sie sind Wiederholungstäter, der Vorwurf findet sich schon in ihrem «Tax Prayer» auf einer EP, in deren Umfeld die Berner Rockband 2011 erstmals das Licht der Öffentlichkeit suchte.

Als wollten sie Streit mit den Göttern, sehen die drei Männer nicht aus; sie treten auf in Kleidung, die der Business-Mensch fast als Smart Casual durchgehen liesse, und könnten damit jederzeit auch anspruchsvolleren Schwierigeltern in spe unter die Augen kommen. Keine Halbstarken, keine Bürgerschrecke, keine Revoluzzer – der kahle Kopf von Sänger und Gitarrist Thomas Schmidiger schreckt niemanden, so wenig wie die akkurate Frisur und der auf Kontur geschnittene Bart des Bassisten Fabian Lötscher. Der Dritte im Bunde – Schlagzeuger Beni T. Bucher – steht da handwerksbedingt auf der Bühne ein wenig zurück. Ausgereift ist ihre Attitüde, denn bei diesem Bunny handelt es sich offenkundig um ein Kaninchen – diese sind im Gegensatz zum Echten Hasen ja Nesthocker und warten ihr Weilchen, bis sie dem Duft frischer Rüebli folgen.

Jahre im Übungsraum, betonen die Musiker immer wieder, sind den ersten Auftritten vorausgegangen; ausbezahlt hat sich dies insofern, als Dead Bunny, kaum aus dem Nest gehoppelt, die Aufmerksamkeit unserer Förderkultur gewann. 2011 wurden Preise eingeheimst, einen Bierhübeli-Auftritt im Rahmen der vom Landessender in alle guten Stuben übertragenen 8x15-Reihe gabs obendrein.

Hauptsache: Musik

Nun, heurige Hasen waren die drei schon damals nicht. Ein Nebenleben in ordentlichem Erwerb ist auszumachen, ebenso ein musikalisches Vorleben. Schmidiger und Lötscher spielten bei Soundscape, stammen aus dem Luzernischen, im Entlebuch verliert sich die Spur, Berner sind sie seit Jahren. Bucher auch, der seinerseits bei den Gogo Ghouls spielte und dort dem Geist der amerikanischen Sixties huldigte. Mass nehmen sie an den Grossen im Geschäft: nicht an den Eintagsfliegen und Popsternchen, den Hitparadenstürmern und Downloadkönigen, sondern an den Helden der donnernden Fraktion, des lauten und druckvollen Spiels.

Kein Hauch von Revolution liegt in der Luft. Eigentümlich ortlos ist der Auftritt von Dead Bunny, sie legen keinen Wert auf Distanz zu ihrer Umgebung, aber Zugehörigkeit und Herkunft scheinen sie ebenso wenig zu beanspruchen. Einen Platz auf den grünen Auen des Berner Rock reklamieren die drei Musiker nicht. Rollenspiele sind ihre Sache nicht, Englisch ist Umgangssprache, schmal das Line-up der Band. Nichts ist stärker als Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren, dekretierte vor Jahrzehnten Lou Reed, nicht erst Dead Bunny strafen ihn hierfür Lügen.

Experimentelle Sounds sind nicht im Angebot

Aus vermeintlichem Mangel schöpft die Band ihre Kraft. Was Dead Bunny haben und was sie können, nutzen sie konsequent, und «The Truth Is a Fucking Liar» ist ein beredtes Zeugnis dafür, wie viel die Band im letzten Jahr an Subtilität und Ausdruckskraft gewonnen hat. Dead Bunny setzen auf Überwältigung und Verführung, können die Hörer vor eine massive Wand ihrer Saiteninstrumente stellen, aber auch mit einer kleinen Melodie auf andere Gedanken bringen. Sie gehen konzentriert zu Werke, Ausuferndes ist nicht ihr Ding und ein typischer Bunny-Song nach vier Minuten Geschichte. Hier liegt eine ihrer Stärken.

Experimentelle Sounds führen sie nicht im Angebot, aber immer wieder finden sie eine kleine Wendung, die einem Lied eine neue Färbung gibt. Schmidiger lässt seine Stimme öfters durch einen Telefonhörer verzerren oder flicht wie im Eröffnungsstück «Fernando» eine Flamencogitarre ein, bei weniger Pop-affinen Songs ist es ein klassisches Gitarrensolo. Der Respekt der harten Fraktion dürfte ihnen gewiss sein, und das eine oder andere Herz dürften sie auch gewinnen, ohne je mit einer Ballade die Tränendrüsen zu bedienen. Dieses Karnickel ist hier, um zu bleiben.

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