Der Geisterscheider

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 02.02.2012

Er hat von Langenthal aus die Schweiz erobert. Nun legt der Sprechsänger und Fernsehmoderator Knackeboul ein eklektisches, kurzweiliges und hocherfreuliches Album vor.

Wechselt in drei Monaten ins Genre des Ü-30-Hip-Hops: Knackeboul.

Wechselt in drei Monaten ins Genre des Ü-30-Hip-Hops: Knackeboul.
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Plattentaufe

Bierhübeli Freitag, 3. Februar, 21.45 Uhr. Die CD: «Moderator» (Mundartisten/Irascible).

Man muss diesen Knackeboul ganz einfach lieben. Immerhin hat er uns den schönsten Schweizer Fernsehmoment des Jahres 2011 beschert. Den Gast, den ihm die Redaktorin des Musiksenders Joiz für den 13. Juni auf die Gästeliste gesetzt hatte – einen gewissen Beardyman, Beatboxer (sympathisch, aber leicht irrsinnig) –, kannte er zuvor noch nicht, doch was diese beiden in den folgenden denkwürdigen 34 Minuten live auf dem Fernsehsofa an abwegigem Entertainment vorführten, mitsamt Bauchredner-Puppen, Freestyle-Rap, Freestyle-Interview, Instant-Songwriting, Beatboxing und sonstigem Klamauk, hätten die Dadaisten nicht besser hingekriegt.

Seither ist seine wöchentliche Sendung «Knack Attack» zum Liebhaberobjekt arriviert. Diese Mischung aus erfrischendem Grössenwahn, halsbrecherischem Wagemut, Genie und Ausgelassenheit, mit der dieser Knackeboul vor die Kameras zu treten pflegt, ist in der hiesigen Fernsehlandschaft dann doch eher rar, dementsprechend teilt sich seine Zuschauerschaft in ein fundamentales Gutfind- und ein ebenso fundamentales Schlechtfindlager.

Nichts zum Mitsingen

Vom polarisierenden Fernsehmann ist nicht viel zu erkennen beim morgendlichen Interviewtermin im Berner Hauptbahnhof. Knackeboul bestellt zwei Milchgetränke, in denen irgendwelche sonderbare Flocken schwimmen, er trägt Ski-Kappe und Fusselbart, sein Gesicht ist etwas blass, die Augen darin kommen erst ins Leuchten, als er die News des Tages verrät: Sein neues Album «Moderator» wird am Wochenende auf Rang 8 der Schweizer Charts einsteigen, die erste Hitparadenrangierung in der sechsjährigen Plattenproduzentenkarriere des Berners. Dabei enthält es keinen eigentlichen Hit, nichts zum Mitsingen, nichts für den Lokalradio-Musikredaktoren, und erschienen ist es auf seinem eigenen Label Mundartisten Records mit Sitz in Langenthal.

Hosen runter

Wer erwartet, dass sich auf diesem Album nun der kasperige Alleinunterhalter zu Wort meldet, der einem grossspurig die Welt erklärt, der wird ziemlich schnell enttäuscht. Zuerst werden da die Hosen runtergelassen: «David und Knackeboul» heisst der Opener, ein biografischer Abriss der bisherigen Vita des David Kohler, wie der Sprechsänger mit richtigem Namen heisst. Aufgewachsen in Portugal, der Vater arbeitet in einem christlichen Hilfswerk, verlässt bald die Familie, die Mutter leidet, Knackeboul und seine zahlreichen Geschwister ebenso, er kommt in die Schweiz, wird in der Schule gemobbt – kurz: Es ist die Geschichte des geplagten armen Buben, der es allen beweisen will.

«Zuerst sollte der Song nicht auf die CD, zu persönlich», sagt Knackeboul. «Doch irgendwann war ich überzeugt, dass er sich in seiner ganzen plakativen Art als Einstieg anbietet. Ich unterwandere gerne Erwartungen. Die meisten dachten, nun gibts das kommerzielle Album eines selbstbewussten Sprücheklopfers, und das biete ich nun definitiv nicht an.»

Kindliche Experimentierlust

Was er anbietet, ist viel besser: ein kurzweiliges, hochstehendes Mundart-Rap-Album, mit Beats und Bässen, die wiederholt aus Elektro- oder Dubstep-Holz gedrechselt werden. Selbst wenn er sich an die Kunst des Rapballadenschreibens wagt («Das Lied»), stürzt Knackeboul keinesfalls ab. Rap mit Blues paaren? Für den Berner kein grösseres imageschädigendes Problem. Selbst Klamauk vermag er mit guten Song-Ideen zu verbinden («Indie Nerd»).

Und bald wird auch klar, dass Knackeboul keinesfalls ein musikalischer Grünling ist. Es gibt ihn seit Jahren in verschiedensten künstlerischen Aggregatszuständen, als humoristischen Poeten (Kris vo Bärn), als Elektroniker (Orlando Menthol) oder als Mundartisten. Er war mit den Delinquent Habits auf Europatournee, als Folge davon durfte er als Solo-Mundart-Beatboxer im deutschen Oberhausen ein Konzert der Schöngeist-Funker Jamiroquai eröffnen. Ein beängstigendes Erlebnis sei das gewesen, doch er scheint auch hier einiges richtig gemacht zu haben, jedenfalls kriegt er seither regelmässig Konzertanfragen aus Deutschland. Auf seiner neuen CD vereint er nun sämtliche unterschiedlichen Energien und Temperamente. «Mit dem Vorwurf, in keine Schublade zu passen, muss ich wohl leben», sagt er, «doch ich gehe die Musik eben noch immer mit einer fast kindlichen Experimentierlust an und würde mich furchtbar langweilen, wenn ich nur zu 90-Bpm-Hip-Hop-Beats rappen müsste.»

Knackeboul, der in drei Monaten ins Genre des Ü-30-Hip-Hop wechselt, trifft damit ganz offensichtlich eine aktuelle Befindlichkeit. Er ist undogmatisch, eklektisch, ein Macker und doch selbstironisch, politisch zwar fassbar, aber nur am Rande interessiert, musikalisch polyvalent. «Fügen Sie noch die Attribute ‹hyperaktiv› und ‹widersprüchlich› an, dann treffen wir den Knackeboul ziemlich genau», sagt er und trinkt einen finalen Schluck Flockenmilch.

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