Mit dem Feuer der Begeisterung

Von Sarah Pfister. Aktualisiert am 13.01.2012

Das Kunstmuseum Bern zeigt die einzigartige Sammlung von Eduard Gerber: Sie führt uns so nahe an Cuno Amiets Leben und Schaffen heran wie keine andere.

1/9 Das Kunstmuseum Bern zeigt die einzigartige Sammlung von Eduard Gerber.
Bild: Keystone

   


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Die Ausstellung «Amiet. Freude meines Lebens» wird heute um 18.30 Uhr eröffnet und dauert bis 15. 1. 2012. Eine Publikation ist erschienen.

Ab dem 24. 9. ist im Kunstmuseum Solothurn eine Ausstellung zur Künstlerfreundschaft zwischen Amiet und Hodler zu sehen.

Als 16-jähriger Gärtnerlehrling erstand Eduard Gerber (1917–1995) sein erstes Werk von Cuno Amiet (1868–1961): eine in zarten Tönen aquarellierte «Landschaft mit Bergkette», die den Blick auf die Grosse Scheidegg freigibt (1906). Eine erstaunlich treffsichere und kunstverständige Wahl für einen Jüngling aus einfachen Verhältnissen, dem weder das Sammeln noch der Kunstverstand in die Wiege gelegt worden waren.

Eine Feuersbrunst entfachte Eduard Gerbers Sammelleidenschaft und Kunstliebe: 1931 brannte der Münchner Glaspalast und mit ihm wurden über fünfzig in einer grossen Retrospektive präsentierte Frühwerke Cuno Amiets zu Asche. Das Feuer hinterliess eine schmerzhafte Lücke in Amiets Werk. Eine Lücke, die den Anstoss geben sollte für die Begründung einer ihrerseits lückenhaften, aber dennoch überaus wertvollen, lebenslangen Sammlertätigkeit. Eduard Gerber war tief betroffen vom grossen Unglück, das dem damals längst renommierten und erfolgreichen Künstler widerfahren war. Mit sämtlichen Ersparnissen in der Tasche machte er sich im Sommer 1933 auf den Weg nach Oschwand, dem langjährigen Wohnort Cuno Amiets und dessen Familie.

Die Jugendstilvilla, das im Bauernhaus untergebrachte, grosse Atelier und der bereitstehende Fiat dürften das Bild des jungen Mannes vom armen Künstler korrigiert haben. Nichtsdestotrotz begann mit diesem ersten Besuch eine grosse Freundschaft zwischen dem damals schon 65-jährigen, erfolgreichen Künstler und seinem adoleszenten Sammler. 170 Franken kostete das erste Werk, das Eduard Gerber wählte – eine damals stattliche Summe, die die finanziellen Möglichkeiten des Käufers bei weitem überstieg. Man kam überein, dass Gerber den fehlenden Betrag später bezahlen könne.

Der junge Mann, der seinen Kunsthunger in Vorlesungen von Max Huggler stillte, wurde nach und nach zum regelmässigen Gast bei der Familie Amiet. Da sein als Gärtnerlehrling und später als Laborant erzieltes Einkommen nicht ausreichte, um die so geliebten Werke des bewunderten Künstlers zu kaufen, ordnete er im Auftrag Amiets Fotos, sortierte Aquarelle nach Sujets und Datierung und half im Atelier aus.

Persönlich und privat

Die über hundert Werke umfassende Sammlung Eduard Gerbers besteht zu grossen Teilen aus Aquarellen, Zeichnungen und Skizzen, die direkt aus der Hand des Künstlers stammen. Im Untergeschoss des Kunstmuseums, in dem sonst die Alten Meister die Stellung halten, ist nun das Herzstück der Sammlung zu sehen: eine wunderbar vielfältige Schau persönlicher, nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Werke. Sie weist Amiet fünfzig Jahre nach seinem Tod als Meister der schnellen und ausdrucksstarken Skizze aus, der den Moment des ersten Eindrucks stimmig festzuhalten und bereits hier das Potenzial des Motivs für eine spätere Ausarbeitung auszuloten weiss.

Die Sammlung ist von geradezu seismografischer Qualität: Sie zeichnet Gefühle, Befindlichkeiten, Stimmungen und Atmosphären in einer unvermittelten und direkt ansprechenden künstlerischen Sprache nach. Hier liegt denn auch die Bedeutung von Gerbers Sammeln: Er strebte nie nach einer repräsentativen Auswahl, die Amiets Schaffen gültig vertreten und die künstlerische Entwicklung nachzeichnen könnte. Kunsthistorische und ökonomische Kriterien spielten bei seinen Ankäufen keine Rolle – seine Auswahl war in erster Linie persönlich und emotional begründet; er nannte sie «Freude meines Lebens».

Mit dem ersten Blick

Gerbers Nähe zu Cuno Amiet und dessen Familie gewährt uns heutigen Betrachtern den so reizvollen Zugang zum Blick des Künstlers: Wir geniessen das Privileg, das Motiv mit den Augen Amiets zu sehen, an ersten Eindrücken und Visionen teilzuhaben und den Prozess der Bildfindung zu verfolgen. Es sind diese noch unvermittelten und unreflektierten ersten Schritte auf dem Weg zum vollendeten Kunstwerk, die die Arbeiten aus der Sammlung Gerber so herausheben. Zu den eindrücklichen Beispielen gehört eine Ölskizze von 1943, die Amiet als Studie für das «Portrait General Henri Guisan» schuf: Sie zeigt einen verletzlichen, alternden Mann, dessen fragile Gestalt lediglich von der Uniform gehalten und vom Bildhintergrund nahezu verschluckt wird.

Ein sensibles Porträt, das dem Gesehenen und Gefühlten viel mehr entsprach als dem öffentlichen Bild des Generals: Amiets offizielle Bildnisse Henri Guisans zeigen einen würdigen Landesvater, der erhaben in die Ferne blickt und die dort drohende Gefahr klar und vorausschauend zu erkennen weiss.

Repräsentation und Emotion

Die Sammlung Gerber wird im Festsaal und im Vorraum des Untergeschosses durch die prächtigen Bestände aus der umfassenden Sammlung des Kunstmuseums ergänzt. Matthias Frehner und Regula Berger, die die Ausstellung gemeinsam kuratierten, wollten dem weniger bekannten intimen Schaffen Amiets das offizielle Werk gegenüberstellen, um einen repräsentativen Überblick zu vermitteln.

Ein Ziel, das durchaus erreicht wurde, zumal die Sammlung Gerber Studien und Skizzen mehrerer Haupt- und Schlüsselwerke umfasst. So begegnet der Besucher zuerst den bekannten Seiten von Amiets Schaffen, dank denen der Künstler – besonders nach Ferdinand Hodlers Tod 1918 – zum Aushängeschild der Schweizer Kunst avancierte. Dazu gehört etwa das grossformatige Gemälde «Paradies» (1958), in dem er seinen meisterhaften Umgang mit Farbe und Licht in den Dienst einer mystischen Bildstimmung stellt.Der repräsentative Teil in Amiets Schaffen ist in der Sammlung Gerber nur am Rande vertreten, etwa mit dem wunderbaren «Bildnis Anna Amiet in Gelb mit blumengeschmücktem Hut» von 1906 oder dem Selbstbildnis Amiets von 1922. Für diese Gemälde beanspruchte der Künstler durchaus öffentliche Beachtung. Eduard Gerber erstand sie nicht wegen des hohen Sammlerwertes, sondern wegen des starken freundschaftlichen Bandes. So beweist die Schau nicht zuletzt, dass der Aufbau einer bedeutenden Sammlung nicht mit Geld allein zu bewerkstelligen ist: Es braucht das Feuer der Begeisterung und Kennerschaft.

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