Sind wir nicht alle ein bisschen Clooney?
Von Stefan Volk. Aktualisiert am 25.01.2012
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Männer, die ihr Leben neu ordnen (müssen), sind eine Spezialität von Alexander Payne. Schon in «About Schmidt» (2002) und «Sideways» (2004) schickte der oscarprämierte US-Drehbuchautor und Regisseur seine Protagonisten auf eine innere und äussere Entdeckungsreise. In «The Descendants» (wörtlich: die Nachfahren) muss nun George Clooney alias Matt King sein Leben umsortieren.
King lebt als erfolgreicher Anwalt auf dem sonnigen Hawaii: mit blumig gemusterten Hemden, nachlässig frisiertem Scheitel und Sorgen, die andere gerne hätten. Als Treuhänder seiner weitverzweigten Familie verwaltet er ein unsagbar wertvolles Grundstück. Die vielen Cousins würden das Familienerbe nur allzu gern an einen Investor verscherbeln, der darauf teure Hotelanlagen bauen will. Aber King zögert noch. – Seht ihr, auch auf Hawaii ist das Leben nicht einfach, will uns Matt King da aus dem Off heraus weismachen: «Paradise can go fuck itself.» Hier wird gearbeitet und gelitten wie überall sonst. Jaja, ist klar! Doch so wenig man sich anfangs Matts Jammern de luxe anhören mag, so sehr überzeugt einen Alexander Payne am Ende davon, dass er doch recht hat, wenn auch anders als gedacht.
Als Matts Frau nach einem Bootsunfall ins Koma fällt, muss sich der Familienvater plötzlich alleine um seine neun- und siebzehnjährigen Töchter Scottie und Alexandra kümmern. Dabei stellt er fest, dass die ihm bislang ziemlich fremd waren. Auch seine Frau kannte Matt wohl nicht allzu gut. Erst jetzt findet er heraus, dass sie eine Affäre hatte und drauf und dran war, ihn zu verlassen. Auf der Suche nach dem unbekannten Geliebten reist Matt gemeinsam mit seinen Töchtern und Alexandras Freund Sid quer durch Hawaii. Dass die vier sich unterwegs reichlich in die Haare kriegen, überrascht ebenso wenig, wie dass sie sich dadurch näherkommen.
Spielen gegen den Strich
Kaui Hart Hemmings Romanvorlage liefert viel Stoff für ein handelsübliches Melodram. Frei nach dem Motto «Weniger ist mehr» hat Payne aber etwas anderes, Schöneres daraus gemacht: ein liebenswert naives, feinfühliges und hoffnungsvolles Familiendrama. Wie einst Jack Nicholson in «About Schmidt» ist diesmal George Clooney Dreh- und Angelpunkt. Auch wenn Nicholson tendenziell eher den «bad» und Clooney eher den «nice guy» gibt, verbindet beide, dass sie ein vielschichtiges Rollenspektrum bedienen können. Und beide spielen ihre Genrecharaktere stets ein wenig gegen den Strich, wie mit einem unterschwelligen ironischen Schmunzeln.
In still erzählten, authentisch angelegten Dramen sieht man sie dagegen selten. Mit «About Schmidt» und «The Descendants» beweisen beide, dass sie auch das beherrschen; auch wenn Clooney sein Schönlingsimage mitunter allzu offensiv überspielt. Das mag aber auch daran liegen, dass manche Szene zu sehr nach Drehbuch riecht. Noch eines haben «About Schmidt» und «The Descendants» gemeinsam: Ihre Hauptdarsteller gewannen jeweils den Golden Globe und galten als heisse Oscaranwärter. Für Nicholson hat es am Ende aber nicht ganz gereicht.
«The Descendants»: Ab Donnerstag im Kino.
The Descendants
| Regie: | Alexander Payne |
| Produktion: | USA 2011; 115 min. |
| Genre: | Comedy, Drama |
| Erstaufführung: | 26.01.2012 |
| Darsteller: | George Clooney, Judy Greer, Matthew Lillard, Beau Bridges, Shailene Woodley |
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2 KOMMENTARE
Die Kritik scheint mir verfehlt. Es werden keinerlei Erzählstränge zusammengeführt, denn sie wurden nie getrennt. Matt ist nicht erst nach der Ankunft des Freundes der Tochter überfordert, er ist es von Anfang an. Das Leben wohlhabender Bewohner auf Hawaii unterscheidet sich kaum von dem anderer mittelständischer US-Amerikaner, sie stehen nur des öfteren barfuss irgendwo rum. Der Regisseur hingegen hat vieles sehr genau getroffen. Er präsentiert in knapp zwei Stunden ein ganzes Kaleidoskop an widersprüchlichen Emotionen, die sich aneinander stossen ohne je zu einem endgültigen Bruch zu führen. Im übrigen werden die komischen Elemente durch die tragischen gebrochen, der Film hat ein Happy End und ist somit eine Komödie. Aber Filme sollte man mit dem Herz sehen und nicht mit dem


