Minimale Mimik wirkt optimal
Von Stefan Volk. Aktualisiert am 01.02.2012
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Trailer
Darfs ein bisschen weniger sein? Neben dem Schneller, Härter, Schärfer, das seit Jahrzehnten den Rhythmus des grossen Unterhaltungskinos diktiert, gibt es immer wieder auch eine Sehnsucht nach leiseren Tönen, langsameren Bildern. Einer der Topfavoriten der diesjährigen Oscarverleihung ist ein Stummfilm («The Artist»). Und auch Tomas Alfredsons («So finster die Nacht») Neuverfilmung von John le Carrés grossem Spionageroman betreibt eine Art Rückkehr zu den Wurzeln. «Tinker Tailor Soldier Spy» ist ein Agentenfilm vom alten Schlag: mehr Psychothriller denn Actionreisser.
Komplexe Dramaturgie
Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der allerdings kaum mehr als eine historische Kulisse abgibt, erzählt Alfredson die auch aus der Fernsehserie von 1979 hinlänglich bekannte Geschichte von der Suche nach einem Verräter an der Spitze des britischen Geheimdienstes MI6. Wer die Handlung noch nicht kennt, dürfte in der stark gerafften zweistündigen Kinoadaption nicht immer den Überblick bewahren. Aber eigentlich gehört ja auch das dazu. In einer Atmosphäre, in der jeder jedem misstraut, entsteht Spannung mitunter gerade dadurch, dass das Publikum überfordert wird, allerdings nicht filmformal, sondern dramaturgisch.
Control, der namenlose, geheimnisvolle Mann an der Spitze des «Circus», wie der britische Geheimdienst intern genannt wird, vermutet unter seinen engsten Mitarbeitern einen russischen Spion. Der Versuch, ihn zu enttarnen, scheitert. Der Agent, der die Führungsspitze des MI6 heimlich überprüfen soll, wird niedergeschossen, und Control wird entlassen. Einige Zeit später wird dann sein ehemaliger Stellvertreter George Smiley damit beauftragt, den Doppelagenten zu enttarnen. Wer le Carrés Buch gelesen oder die TV-Serie gesehen hat, weiss, wohin das führt. Und auch wer Smiley und Co. das erste Mal begegnet, dürfte dies allzu bald ahnen. So ist es am Ende weniger das Bild, das entsteht, als die Art und Weise, wie sich das Mosaik zusammensetzt und ein Steinchen in das andere greift, was an «Tinker Tailor Soldier Spy» fasziniert; auch wenn man nicht immer genau nachvollziehen kann, woher die einzelnen Steinchen gerade «gezaubert» wurden.
Grossartiges Spiel
Im Wechselspiel von Gegenwart und Vergangenheit, Recherchen und Rückblenden spinnt Alfredson ein engmaschiges Netz aus Verdacht und Verrat, dem man sich kaum entziehen kann.
Nicht Actionspektakel, keine Schiessereien, keine Verfolgungsjagden geben hier den Takt vor, sondern eine präzis arrangierte, subtile Blickchoreografie. All diese bieder gekleideten Männer mit Anzügen und Krawatten, schmalen Lippen und gezwungenem Lächeln belauern sich gegenseitig, schätzen einander ab, bringen sich in Stellung. Das ist ganz grosses Schauspiel, dünn aufgetragen – mit kleinen Gesten und reduzierter Mimik. Das hochkarätige Ensemble um John Hurt als Control, Mark Strong und Colin Firth versteht es bestens, die menschlichen Risse in diesen starren Masken zum Vorschein kommen zu lassen.
Preisverdächtiger Protagonist
Der sympathisch altmodische, dabei auch etwas einfallslose Agententhriller steht und fällt aber mit Gary Oldman in der Rolle Smileys. Und er (be)steht. Oldman unterspielt seinen Charakter auf so abgründige Weise, dass er dafür zu Recht für einen Oscar nominiert wurde. Denn preisverdächtig ist allein schon, dass man bei seinen Auftritten den legendären Alec Guinness aus der TV-Serie nicht ständig mitdenken muss.
«Tinker Tailor Soldier Spy» läuft ab morgen im Kino.
Tinker, Tailor, Soldier, Spy
| Regie: | Tomas Alfredson |
| Produktion: | France, Germany, UK 2011; 127 min. |
| Genre: | Drama, Mystery, Thriller |
| Erstaufführung: | 02.02.2012 |
| Darsteller: | Mark Strong, John Hurt, Zoltán Mucsi, Péter Kálloy Molnár, Ilona Kassai |


