Kammerspiel auf polierten Rädern
Von Stefan Volk. Aktualisiert am 04.07.2012
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Trailer
Aalglatt, skrupellos, milliardenschwer und völlig abgehoben: Der 28-jährige Börsenspekulant Eric Parker verkörpert in David Cronenbergs Verfilmung von Don DeLillos sozialkritischem Roman «Cosmopolis» all das, wogegen die «Occupy»-Bewegung weltweit Front macht. In seiner gepanzerten, schallisolierten Stretchlimousine rollt er durch New York, und während draussen militante Demonstranten mit toten Ratten um sich werfen und apokalyptische Stimmung verbreiten, flimmern drinnen die Börsenkurse über die in das schwarzlederne Luxusinterieur integrierten Monitore. «Twilight»-Star Robert Pattinson verpasst dem menschenverachtenden, narzisstischen Finanzjongleur ein makelloses, maskenhaftes Gesicht. Das aber ist auch schon das einzig Überzeugende, das Cronenbergs Film zu bieten hat.
Negative Symbolfigur
Pattinson mimt einen «American Psycho», wie er im Buche steht. Als echten Menschen kann man sich diesen Eric Parker, den Cronenberg zur negativen Symbolfigur seines rollenden Kammerspiels stilisiert, jedoch nicht vorstellen. Worauf der Regisseur und Drehbuchautor hinauswill, ist so offensichtlich, dass es der verkünstelten Theateratmosphäre zum Trotz mit Kunst nichts mehr zu tun hat, geschweige denn mit Filmkunst.
Aus den in langen, starren Einstellungen abgefilmten Dialogen trieft die konsum- und finanzkritische Message geradezu vulgär heraus. Und das Menetekel des drohenden Zivilisationscrashs malt der Film in einer derart plakativen Kulisse aus aufgebrachten Protestlern auf die Leinwand, dass das, was bedrohlich wirken sollte, nur noch lächerlich erscheint. Im Grunde hat Cronenberg («Die Fliege», «eXistenZ») mit seiner Gesellschaftsanalyse ja nicht unrecht, aber in der affektierten Form, in der er sie präsentiert, lässt sie sich kaum noch ernst nehmen.
Solche sündhaft teuren Luxusschlitten wie die Parkers, in der im Fahrgastraum sogar eine ausfahrbare Toilette Platz findet, mag es ja geben, aber die Figuren, die Cronenberg darin abwechselnd philosophierend oder vögelnd vorführt (u.a. Juliette Binoche), nimmt man ihm einfach nicht ab. Der 69-jährige Kanadier überzeichnet seine Protagonisten zu exemplarischen Karikaturen eines hermetischen Paralleluniversums auf vier Rädern. Allen voran Eric Parker, der, während ein Doktor in der Stretchlimo seine Prostata abtastet, mit einer Finanzexpertin über den Yuan-Kurs debattiert.
Haarschnitt als Tagesziel
Mit solchen satirisch gedachten Einlagen kappt der Film die emotionale Verbindung zu seinen Figuren. Letztlich ist es einerlei, ob Parker am Ende seine prüde Verlobte (Sarah Gadon) noch rumkriegt oder nicht, ob er den Haarschnitt erhält, den er sich zum Tagesziel erkoren hat, oder der Attentäter, der angeblich hinter ihm her ist, ihm vorher eine Kugel durch den Kopf jagt.
Worauf es Cronenberg ankommt, das schreit der Film einem in jeder Einstellung entgegen, ist ohnehin etwas anderes: seine ebenso penetrante wie oberflächliche Kapitalismuskritik. Wer sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen möchte, sollte übrigens auch von DeLillos nicht minder prätentiöser Romanvorlage lieber die Finger lassen und gleich zu David Graeber greifen.
Cosmopolis
| Regie: | David Cronenberg |
| Produktion: | Canada, France, Italy, Portugal 2012; 109 min. |
| Genre: | Drama |
| Erstaufführung: | 05.07.2012 |
| Darsteller: | Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel |


