Kino Aktuell Albert Nobbs

Gefangene Seele im Butlerkostüm

Von Georges Wyrsch. Aktualisiert am 18.04.2012

Für ihre Leistung in «Albert Nobbs» wurde Glenn Close zum sechsten Mal für einen Oscar nominiert. Zu Recht: Die Schauspielerin hat sich neu erfunden.

Niemand bemerkts, doch Albert Nobbs ist eigentlich eine Frau: Glenn Close überzeugt mit ihrer  ruhigen, differenzierten Performance.

Niemand bemerkts, doch Albert Nobbs ist eigentlich eine Frau: Glenn Close überzeugt mit ihrer ruhigen, differenzierten Performance.
Bild: zvg

Albert Nobbs

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Vordergründig ist das Dubliner Morrison’s Hotel eine edle Absteige für die gehobene Gesellschaft. Doch hinter der vornehmen Fassade geht es mitunter frivol zur Sache in den Gäste- und Personalbetten. Die diskreteste Figur in diesem Treiben ist der schweigsame Kellner und Butler Albert Nobbs, eine talentierte, aber auch ziemlich farblose Fachkraft, die im Gegensatz zu ihrem Umfeld kein nennenswertes Privatleben zu führen scheint.

Albert Nobbs ist – das bleibt dem Publikum nicht lange verborgen, auch wenn es die Kunden und Angestellten des Hauses konsequent übersehen – eine Frau. Ein Mädchen aus der Unterschicht, das sich vor Jahrzehnten eine maskuline Identität zulegte, um auf diese Weise vor der Vergangenheit zu fliehen und eine Stelle im Gastgewerbe zu finden. Nobbs kommt mit der selbst auferlegten Androgynität klar; allein der Traum von einer eigenen Tabakwarenhandlung flackert innerlich weiter. Mehrere Vorfälle tragen nun allerdings dazu bei, dass Nobbs aus dem Gleichgewicht gebracht wird.

Wieder kein Oscar

Glenn Close wurde für ihre Darstellung des Albert Nobbs zum sechsten Mal für einen Oscar nominiert und verlor die Statuette diesmal ausgerechnet an Meryl Streep, die während vieler Jahre als ihre direkte Konkurrentin gehandelt worden war. Ironischerweise gewann Streep den Preis für ihre unsubtilste Leistung seit Jahren (als Margaret Thatcher), während Close – sonst nie um Kapriolen verlegen – mit einer ungewöhnlich ruhigen und differenzierten Performance leer ausging. Tatsächlich gibt es in «Albert Nobbs» eine ganz neue Glenn Close zu entdecken, und das liegt nicht nur an der ungewohnt maskulinen Garderobe. Wer sie als hysterische Geliebte in «Fatal Attraction» gesehen hat, als intrigierende Marquise de Merteuil in «Dangerous Liaisons» oder gar als überdreht herumbrüllende Cruella De Vil in der Realverfilmung von «101 Dalmatiner», der denkt zurück an eine Schauspielerin, die zunehmend auf laute und schrille Rollen abonniert war und die sich in diesem fragwürdigen Register je länger, je eifriger betätigte.

Gleich zwei Comebacks

Nachdem es einige Jahre eher still um sie geworden war, hat Close nun in den letzten Jahren gleich ein doppeltes Comeback hingelegt: Am Fernsehen brilliert sie seit einiger Zeit in der Thrillerserie «Damages» als ungemein kaltblütige, aber innerlich verletzliche Staranwältin – eine Rolle, die ihr zweifellos auf den Leib geschrieben wurde. Und jetzt ist sie mit «Albert Nobbs» auch auf der grossen Leinwand zurück: in einer Rolle, die sie sich gleich selbst auf den Leib geschrieben hat. Denn das verfilmte Drehbuch stammt von Close persönlich, sie hat als Initiantin des Projekts den Stoff für ihre eigenen Zwecke aufbereitet und danach gemeinsam mit dem irischen Autor John Banville und dem Regisseur Rodrigo Garcia (er ist der Sohn von Gabriel García Márquez) die ideale Form dafür gefunden.

Diese ideale Form für den Stoff ist schlussendlich das eingangs erwähnte Hotel selbst: ein Ort, wo es zu spannenden, originellen und witzigen Begegnungen kommt, wo man isst, trinkt und schläft, wo homo- und heterosexuelle Liebschaften manchmal ausgelebt und manchmal unterdrückt werden. Ein Ort, an dem man lacht, weint oder einfach nur mit den Schultern zuckt. Ein Ort, den man zum Schluss nur ungern verlässt, auch wenn eine allzu rührselige Note in den letzten Sequenzen des Films die zuvor erzeugte Stimmung unnötig dämpft.

Albert Nobbs

Regie:Rodrigo García
Produktion:Ireland, UK 2011; 113 min.
Genre:Drama
Erstaufführung:19.04.2012
Darsteller:Glenn Close, Antonia Campbell-Hughes, Mia Wasikowska, Pauline Collins, Maria Doyle Kennedy
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