Kino Aktuell The Artist

Ein buntes Kinowunder in Schwarzweiss

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 25.01.2012

Als wärs 1920: «The Artist» des Franzosen Michel Hazanavicius ist auf dem besten Weg, Hollywood zu erobern. Der Stummfilm steigt mit zehn Nominationen ins Oscarrennen.

Vergangenheit trifft Zukunft: Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) und Tonfilmstarlet Peppy Miller (Bérénice Bejo) in «The Artist».

Vergangenheit trifft Zukunft: Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) und Tonfilmstarlet Peppy Miller (Bérénice Bejo) in «The Artist».

The Artist

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Jean Dujardin

In «The Artist» spielt Jean Dujardin einen Stummfilmstar, der den Sprung zum Tonfilm verpasst. Nach der Golden-Globe-Auszeichnung ist der Franzose nun auch ein heisser Oscaranwärter.

Monsieur Dujardin, in Zeiten von 3-D und Spezialeffekten glänzen Sie als Star in einem Schwarzweiss-Stummfilm. Warum funktioniert das?

Jean Dujardin: Wenn unser Film so grossen Anklang findet, muss man davon ausgehen, dass das Publikum ein bisschen Nostalgie liebt. Ein Film wie «The Artist» zieht den Zuschauer emotional mehr rein als solche, die durch die ganzen Spezialeffekte fast entmenschlicht sind.

War es schwierig, einen Stummfilm zu drehen?

Ich rede ja. Nur hört man das nicht, weil der Ton nicht aufgenommen wurde.

Mussten Sie wie die alten Stummfilmstars grössere Gesten machen und mehr Ausdruck in Ihre Mimik legen?

Das kam auf die Szene an. Wenn ich als Schauspieler im «Film im Film» zu sehen bin, habe ich sehr viel agiert. Douglas Fairbanks’ Figuren waren für mich ein Rollenvorbild – ein bisschen selbstverliebt, arrogant und immer gut drauf. Damals war die Einführung des Tonfilms für Schauspieler wie Fairbanks ein totaler Schock. Nur wenige haben den Sprung zum Tonfilm geschafft.

Terrier Uggie ist ein wichtiger Darstellerkollege in diesem Film. Wie schwierig war es, mit einem Tier zusammenzuspielen?

Alle Kollegen sagen, dass sie nie mit einem Kind und einem Hund drehen möchten. Ich kann Ihnen aber verraten: Ich habe nicht mit einem Hund, sondern mit einer Maschine gespielt. Uggie hat wie ein kleiner Roboter alle Bewegungen seines Trainers nachgemacht. Man brauchte nur ein paar Würstchen in der Tasche – viele, viele Würstchen.

Was ist Uggie für ein Typ?

Er dreht schon den nächsten Film. Er ist so ein grosser Star, dass er nicht mal Zeit hat, auf der Strasse andere Hunde zu begrüssen.

Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) sitzt alleine in seiner Garderobe. Er trinkt einen Schluck Wasser und erschrickt: Das Glas erzeugt beim Abstellen ein Geräusch. Auch der Rasierpinsel und der Kamm geben plötzlich Laut. Der Stuhl quietscht, Georges treuer Hund kläfft, das Telefon schrillt. Bloss aus dem Schauspieler kommt kein Ton heraus. – Lässt sich der Albtraum eines Stummfilmstars treffender inszenieren?

Der laute Knall einer Feder

«The Artist» von Michel Hazanavicius ist zweifellos der spektakulärste Film der Saison. Der französische Regisseur schafft es nicht nur, einen Stummfilm über das Ende der Stummfilmzeit genregetreu zu imitieren, sondern mit Details augenzwinkernd weiterzuspinnen. Da geht beispielsweise eine Feder mit ohrenbetäubendem Knall auf dem Studiogelände nieder. Oder es schlüpft, zwecks Liebkosung, eine Hand aus Georges aufgehängtem Frack am Kleiderständer.

Anders als in herkömmlichen Leinwandbrimborien schielt Regisseur Hazanavicius jedoch nicht nach Effekten um des Effekts willen. Er parodiert auch nicht ein Genre aus purer Parodielust wie in seinen «OSS 117»-Agentenfilmen (mit Jean Dujardin als Tölpel-Bond). Nein, «The Artist» ist Filmgeschichte und Kinolust in einem. Da sind Ironie und Emotion, Melodram und Komödie untrennbar verflochten. Und jedes Bild ist zugleich sein eigener Kommentar.

«The Artist» beginnt mit dem letzten grossen Auftritt des selbstverliebten Schauspielers George Valentin. Lachend ignoriert er die Aufforderungen seines Produzenten (John Goodman), sich für den Tonfilm zu rüsten. Ein unbekanntes Starlet namens Peppy Miller (Bérénice Bejo) packt dagegen die Chance. Sie lässt sich mit George öffentlich ablichten und tanzt die Karriereleiter empor, während George immer tiefer fällt. Auch diese Szene ist dem Film symbolhaft eingeschrieben, wenn George und Peppy im Treppenhaus des Filmstudios aneinander vorbeistreben. Später, als George nur der wachsame Hund bleibt, zündet er seine Zelluloidrollen an, um sich auszulöschen. Der Star existiert ausserhalb der Filmwelt nicht.

Fortschritt kontra Tradition

Natürlich erinnert Hazanavicius’ Geniestreich, angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Stumm- und Tonfilm, zunächst an «Singin’ in the Rain». Anders als im Musical aus den Fünfzigern huldigt «The Artist» jedoch nicht dem Fortschritt, sondern der untergehenden Tradition. Dass die Vergangenheit (in der Person von George) am Ende ausgerechnet von der Zukunft gerettet werden muss, ist der ultimative Clou dieses wunderbaren Films. Sogar Uggie, der Hund, verzückt inzwischen die Massen. In Cannes, wo der Film Premiere feierte, erhielt der Terrier einen «Palm Dog»-Award (in Anlehnung an den Hauptpreis «Palme d’Or»).

Jetzt geht «The Artist» den Weg, den in den Zwanzigerjahren viele der besten Filmemacher gingen – von Europa nach Hollywood. Der Unterschied: Diesmal ist die Distanz grösser. Regisseur Hazanavicius hatte sein Projekt mitten im «Avatar»-Hype begonnen, als 3-D das Rezept gegen die Kinoflaute schien. «Ich kam mir vor wie am Steuer eines 2 CV», so Hazanavicius, «während lauter Formel-1- Schlitten um mich herum röhrten.» Nun hat sich das Blatt gewendet. Gut möglich, dass bald ein kleiner Stummfilmwagen als Erster durchs Oscarziel fährt.

«The Artist»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

The Artist

Regie:Michel Hazanavicius
Produktion:France 2011; 100 min.
Genre:Comedy, Drama, Romance
Erstaufführung:26.01.2012
Darsteller:Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, Malcolm McDowell, Missi Pyle
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