Federmänner und Brandstifter

Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 10.01.2013

Was haben der finstere Black Metal und der pulsierende Karneval in New Orleans miteinander zu tun? Augenscheinlich nichts. Und doch treffen sie sich: dort, wo die Gewalt in Kunst umschlägt.

Am Norient-Musikfilmfestival kollidieren die Mardi-Gras-Indians mit Black Metal.

Am Norient-Musikfilmfestival kollidieren die Mardi-Gras-Indians mit Black Metal.
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Nationales Blasorchester und praller Queer-Rap

Am Norient-Musikfilmfestival gibts die Musik nicht nur im Film, sondern auch auf der Bühne. Wirklich zusammenfassen lässt sich die Vielfalt des Blogs zwar nicht, aber die Macher des Festivals habens doch versucht und liegen mit der Auswahl der Acts so richtig, wies nur geht.

Wie tanzt man zu Sissy Bounce Queer Rap? Die Rapperin Big Freedia machts gleich selbst vor und veranstaltet im Vorfeld ihres Konzerts einen Tanzkurs der exquisiten Art. Das geht zwar ganz ohne Tanzgschpändli, dafür brauchts umso mehr Steissbein-Einsatz. (Club Bonsoir, Tanzkurs, Fr. 11. Januar, 18 Uhr. Konzert Sa., 12. Januar. 20.30 Uhr.)In einer schummrigen Bar sei Amina entdeckt worden – und war sogleich engagiert als Sängerin von The National Fanfare of Kadebostany (Turnhalle Progr, So., 13. 1., 20.30 Uhr). Klingt nach einer exotischen Geschichte aus weiter Ferne? Falsch: Es handelt sich um eine Anekdote aus der Stadt Genf. Auch Kadebostany liegt näher als gedacht: nämlich im Kopf des Samplemeisters Kadebostan. Er ist Regent über seine kleine Kolonie, die sich am Musikschatz der ganzen Welt bedient. «Songs from Kadebostany» heisst ihre erste CD, die diese Welt für den Dancefloor zusammenschrumpft. Über 100 Konzerte haben die stets in stolzen Uniformen Posierenden gespielt, unter anderem an den Olympischen Spielen in London. Die Neugierde auf ihr nächstes Album «Pop Collection» steigern sie mittels Video zu «Walking with a Ghost». Danach schlägt Youtube Adeles «Skyfall» vor. Daneben ist das nicht. (mik)

Das Mikrofon sollte nicht möglichst gut sein, sondern möglichst schlecht. Und der Verstärker durfte rauschen und knistern, so viel er wollte. «Es war eine Rebellion gegen die sogenannt gute Produktion», erinnert sich Varg Vikernes an seine ersten Plattenaufnahmen Anfang der Neunziger. «Necro-Sound» tauften die jungen Norweger damals ihre Musik: «Sie sollte möglichst übel klingen.»

Bedrückende Gitarrenriffs, zertrümmerte Songstrukturen, Anschreien gegen die geordnete Welt, Gesichter mit Leichenbemalung, Shows, in denen man sich mit Messern ins eigene Fleisch schnitt: Ende der Achtzigerjahre entstand in Norwegen der Black Metal. Dass diese düstere Spielart des harten Rocks und ihre Posen gar nicht so weit entfernt sind von der ikonisch gewordenen nordischen Verzweiflung auf Edvard Munchs Bild «Der Schrei», zeigt der Dokumentarfilm von Aaron Aites und Audrey Ewell: «Until the Light Takes Us» läuft in Bern im Rahmen des Norient-Musikfilmfestivals.

Verstörende Ideologie

Wie kam es aber, dass Vikernes heute im Hochsicherheitsgefängnis in Trondheim sitzt? Dass 1992 und 1993 in Norwegen unzählige Kirchen brannten? Dass aus den Zwanzigjährigen, die einst in ihrem obskuren Plattenkeller hockten und über Cornflakes diskutierten, Straftäter wurden? «Until the Light Takes Us» analysiert kaum, erklärt wenig – und lässt die Beteiligten von damals die Geschichte selbst rekonstruieren. So entsteht das Bild einer Jugend, die behütet aufwuchs und sich irgendwann gegen das gepolsterte Leben im Wohlstand aufzulehnen begann. Einerseits in der Musik, andererseits aber auch ganz handfest. Vikernes und seine Kumpel bunkerten als Halbwüchsige Waffen und schossen auf McDonald’s-Schaufenster. «Wir wünschten uns einen dritten Weltkrieg. Denn wenn etwas Neues entstehen soll, muss das Alte zerstört werden.»

Mit der Zeit kleisterte er sich eine verstörende Ideologie zusammen, gemäss der das Christentum die Wurzel allen Übels ist. So wurde er zum Brandstifter und letzten Endes auch zum Mörder. Die Medien brandmarkten die Täter als Satanisten. Damit hatten sie allerdings nichts zu tun; wie die Kirchenbrände zu einem medialen Lauffeuer und von unzähligen Nachahmern missinterpretiert wurden – auch das führt «Until the Light Takes Us» vor Augen.

Die Rebellion der jungen Black-Metal-Männer manifestierte sich aber nicht nur in Gewalt, sondern löste sich bei einem anderen Mitglied der Szene in Kunst auf: Gylve Nagell, ein blasser langhaariger Mann mit aparten Augenringen, ist heute noch Vorsteher der Band Darkthrone – und gibt auf der Bühne seinem Flirt mit der Finsternis, der Kälte und dem Tod Ausdruck.

Eine hopsende Farbexplosion

Neben einem thematischen Schwerpunkt zu Metal und Religion zieht es das diesjährige Norient-Festival auch ins feuchtwarme New Orleans. Der Dokfilm «Bury the Hatchet» ist so etwas wie das Gegenstück zu «Until the Light Takes Us» – wo Blässe war, ist Farbe, anstelle von Vereinzelung und Verzweiflung steht die Feier der Gemeinschaft. Aaron Walker geht der Tradition der Mardi-Gras-Indians nach, einem wenig bekannten Neben-Karneval, in dem sich Afroamerikaner als Indianer verkleiden. Damit erinnern sie daran, wie ihre versklavten Vorfahren, die ihren Besitzern entflohen waren, bei Indianern Zuflucht fanden.

So tanzen die Stämme der Mardi-Gras-Indians heute mit 80-Kilo-Monstern von Kostümen durch die Strassen, bestickt mit Tausenden bunter Perlen, bestückt mit Hunderten von Straussenfedern: eine hopsende Farbexplosion. Aber die Umzüge der Mardi-Gras-Indians waren lange nicht nur heitere Folklore. Der Mardi Gras galt als Tag der Rache, und unter den Federbüschen versteckten sich oft Waffen, mit denen im Schutz des Trubels offene Rechnungen beglichen wurden. So lange, bis ein paar vernünftige Chiefs Anfang der Siebzigerjahre das Kriegsbeil begruben – und den blutigen Kampf auf den Strassen zu einem unblutigen Wettstreit darüber machten, wer das schönste Kostüm hat. An diesem Punkt treffen sich die beiden gegensätzlichen Dokumentarfilme: Sie zeigen, dass Musik, Kunst und Karneval eine erstaunliche Fähigkeit haben: Gewalt zu sublimieren. Hochspannend.

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