Heisse Energie im eisigen Winter
Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 09.02.2012
Wenn Henry Rollins nach Bern kommt, pflegt es kalt zu sein. Man erinnert sich an ein Konzert in der Reithalle, 22 Jahre ist es her: In jener Novembernacht 1989 herrschten eisige Temperaturen, doch Gewichtheber Rollins zeigte – lediglich mit einer Turnhose bekleidet – seinen gestählten, von Tattoos bedeckten Oberkörper. Der Sänger schnaubte und schwitzte – er war schon immer ein Bühnenschwerarbeiter.
Gestartet ist der Hüne aus Washington DC als Sänger der US-Punk-Band Black Flag, für die er einen Job als Filialleiter bei Häagen-Dazs aufgab – vielleicht hält er es darum bis heute mit den eisigen Temperaturen. Nach der Auflösung von Black Flag gab der hyperaktive Frontmann, den man in seiner Kindheit mit Ritalin hatte ruhigstellen wollen und der ein Leben ohne Alkohol, Nikotin und andere Drogen führt, erst recht Gas. Er gründete seine eigene Rollins Band, mit der er 10 Jahre lang auf Achse war. Die krachende Hardcorecombo galt als unschlagbarer Liveact, die Hingabe ihres Leaders war legendär.
Mehr als ein Rockstar
Doch Henry Rollins begnügte sich nie mit dem Status eines Rockstars. Schon 1984 gründete er seinen eigenen Verlag, in dem er neben den eigenen Büchern und Spoken-Word-Alben bald auch die Werke von Musikerkollegen wie Nick Cave, Iggy Pop oder Jeffrey Lee Pierce veröffentlichte. Daneben arbeitete er als Radiojockey, Fernsehpräsentator und spielte in rund 20 Filmen mit – zum Beispiel in David Lynchs Klassiker «Lost Highway».
Im Dachstock der Reitschule wird Rollins diesmal solo mit seinem Spoken-Word-Programm auftreten – einen Tag nach seinem 51.Geburtstag. Die Energie, die seine Rockshow ausmachte, prägt auch die Präsentation seiner nichtmusikalischen Auftritte, die vor Witz und politischer Unkorrektheit sprühen und den kraftstrotzenden Mann, der einst als Verkörperung des wütenden Rock’n’Rollers galt, schon fast in die Nähe eines Stand-up-Comedians rücken.
Ironie der Geschichte
Eine kleine Ironie der Geschichte: 1989 musste sich der Plakatgestalter Dirk Bonsma vor der Reithallen-Vollversammlung noch rechtfertigen, weil auf seinem Hochglanzposter für das Berner Konzert der Rollins Band ein paar Gummientchen gegen den Strom schwaderten. Das fanden einige Aktivisten damals doch ein bisschen zu lustig. Aber eben: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Auftritt: Dienstag, 14.2., 20 Uhr, Dachstock der Reitschule, Bern. www.petzitickets.ch.

