«Gebet final» am Stammtisch im Helvezia
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 01.02.2012
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Lesung
Arno Camenisch: Ustrinkata. Verlag Urs Engeler, 2012. 99 Seiten, 25 Fr. Lesung: Café Kairo Bern, Donnerstag 20.30 Uhr.
Es ist Mitte Januar, eigentlich sollte es schneien im engen Bündner Tal zwischen den hohen Bergen. Aber draussen regnet es seit Tagen sintflutartig – und drinnen in der Dorfbeiz fliesst der Alkohol in Strömen. Sie sitzen im Herzen des Landes, in der «Welthauptstadt der Surselva», unweit der Quelle des Rheins, der ins Meer führt.
Im Dorf soll es einen gegeben haben, der seine Schwermut bekämpfte, indem er den Finger in den Fluss steckte, «um mit der Welt verbunden zu sein». Hinter dem Stammtisch hängt Jesus am Kreuz. Seine Hand ist abgebrochen. Er wacht über die Runde, die sich einem ausgiebigen Abendtrunk hingibt. «Wenn es wenigstens zu regnen aufhören würde, sonst kommt uns noch die Welt abhanden», sagt Otto, der Jäger. Und Luis, immer mit Feldstecher ausgerüstet, meint, wenn das so weitergehe, müssten sie noch zum «gebet final» ansetzen.
Sechzig Jahre hat Silvia, die Tante des Erzählers, das Helvezia in einem Dorf in der Surselva geführt. Nur einmal ist sie in all den Jahren für zwei Wochen nach Gran Canaria gefahren. Doch jetzt hört sie auf. Alle sind sie zur «Ustrinkata» zusammengekommen, die knorrigen Stammgäste Luis, Otto, Alexi, der Frisör, oder der Dorfdichter Gion Baretta, der als Klappergestell mit «mehr Prothesen als Knochen» auftaucht und beim Sprechen immer das Hörrohr ansetzt. Die Leser von Arno Camenisch kennen das Personal bereits aus den beiden Büchern «Sez Ner» (2010) und «Hinter dem Bahnhof» (2011). Erzählte der 34-jährige Bündner in ersterem in kunstvoll verdichteten Episoden vom kargen Leben eines Männerquartetts auf einer Alp, so versammelte er in letzterem Dorfgeschichten aus der scharfsinnig-unschuldigen Perspektive eines Kindes.
Die Gastgeberin im Helvezia hat gute Ratschläge bereit («Einen Stein aus dem Rhein unters Bett legen, und man schläft sofort ein»), sorgt für den Nachschub, bringt einen «Quintin» oder einen «Kübel» vom Buffet, für sich meist «Caffifertic». Und geraucht wird ununterbrochen, von der Mary Long bis zu einer «Krummen» Regelmässig leert die Tante den grossen Aschenbecher mit dem Calanda-Schriftzug, manchmal bringt sie einen Zeitungsausschnitt, um Geschichten aus vergangenen Zeiten aufleben zu lassen. Jeder will der besser informierte, mehr Dorfgeheimnisse kennende Chronist sein. Dichtung und Wahrheit verschwimmen, es gibt auch Besuche am Stammtisch aus dem Totenreich – und niemand findet das eigenartig. Man ist zwar katholisch und singt an Mariä Himmelfahrt auf Booten in der Rheinschlucht Choräle, aber die «Babuns, die Ahnen» und die «Babuzs, die Geister» gehören selbstverständlich dazu.
Unverwechselbarer Ton
Arno Camenisch lässt sie in einer sinnlichen, mit dem lokalen Idiom Sursilvan und italienischen Einsprengseln durchsetzten Sprache ausgiebig schwadronieren, behaupten und prahlen. Jede Einzelstimme hat ihren unverwechselbaren Ton in dieser Klangkomposition. Und sie erzählen sich Geschichten vom Dorflehrer, den man nach seinem Tod wieder ausgraben musste, weil er seinen letzten Lohn noch in der «Tschopentasche» hatte. Oder sie lästern über die Postauto-Chauffeur-Dynastie Romedi, zu denen «ohne Weihwasser» niemand eingestiegen ist. Einem war denn auch ein richtiger Chauffeur-Tod vergönnt, er fuhr über eine Kurve hinaus, das Postauto lag am Rheinufer, «auf die Grösse eines Kühlschranks zusammengestaucht». Sie sprechen über die unterschiedlichen Schicksale von Ausgewanderten, beklagen den Schlachthaus-Tod geliebter Kühe, lassen traurige und unerfüllte Liebesgeschichten Revue passieren und streuen Lebensweisheiten ein wie die vom Luis: «Von Zeit zu Zeit einen Hirsch nach Hause bringen und auf den Küchentisch abstellen, da braucht es keine Worte, das ist wohl Liebe genug.» Vom Unterland wollen sie nichts wissen, allein schon der Gang ins Spital, in diese «Fabrik in Ilanz», ist ihnen suspekt, einer war mal im labyrinthischen Zürich und lobt sich die simple Geografie zu Hause: «Hier fährst du entweder das Tal hinauf oder das Tal hinab.»
Weltuntergang kann warten
Arno Camenisch, der auch zur Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» gehört, sind Klang und Rhythmus seiner Texte sehr wichtig, das Geschriebene liest er sich oft laut vor, um die richtige Form zu finden. Das Stimmengewirr in der Beiz arrangiert er zu einem manchmal bewusst derb, dann wieder poetisch klingenden Kammerorchester. Am Ende kann der Weltuntergang noch warten, eine letzte Runde wird bestellt, man erinnert sich an Stürme, Hagel und an Trockenheiten biblischen Ausmasses im Tal, «der Teufel war wieder am Werk, der verdammte Höllenhund». Hinter dem Stammtisch hängt immer noch der einhändige Jesus und wacht. Solange man am Stammtisch sitzt, hat man die gefahrvolle Welt draussen im Griff.

